Autor: Stephan Brunker

  • Der Preis der Exploration

    Wenn unser Leben so stark von unseren angeborenen Eigenschaften und unserer Umgebung abhängig ist, wie viel können wir dann selbst entscheiden?

    Vielleicht sind es weniger die tagtäglichen kleinen Entscheidungen, sondern die seltenen, bedeutungsvollen, die uns prägen.

    Eine solche Entscheidung war, Anfang 2025 das Wissen, das ich seit 2015 um die Persönlichkeitstypen zusammengetragen habe, in ein Buch zu fassen. Was in den folgenden eineinhalb Jahren geschehen ist, folgte dann dem Muster meiner introvertierten Intuition: Jedes Kapitel warf weitere Fragen auf, und deren Beantwortung führte dann noch woanders hin. Es war also absehbar, dass es nicht bei einem kleinen, überschaubaren Buch bleiben würde. Es dauerte eineinhalb Jahre und über 1.600 Seiten C5, bis ich alle losen Enden verknüpft hatte – vorerst.

    Jetzt bin ich dabei, die Veröffentlichung des ersten Bands vorzubereiten, und auch dabei kann ich deutlich sehen, wie meine Funktionen – oder Module – ein Eigenleben besitzen. Mein Ich ist praktisch nur Zuschauer. Mein Te und Fi (siehe die Referenz) haben sich zusammengetan, um zuerst das Buch zu lektorieren, zu formatieren und diese Webseite zu bauen. Wichtig ist, dass Ergebnisse entstehen, und diese Ergebnisse haben einen professionellen Anspruch, den meine innere Idealwelt mir vorgibt. Wenn man sich schon die Mühe macht, dann sollte es auch eines Bestsellers würdig sein. Manchmal bekommen sich Te und Fi in die Haare, vor allem, wenn es Zeitdruck gibt. Aber da es auf eine Woche hin oder her nicht ankommt, haben sich die beiden arrangiert und verbündet.

    Aber gleichzeitig sitzt irgendwo im Hinterkopf die Stimme meines Ni, das versucht, die Welt zu verstehen und damit vorhersagen zu können, welche Szenarien welche Wahrscheinlichkeit haben. Und die Prognose ist klar: ein Buch in einer obskuren Nische zwischen allen Genres, mit einem Kaltstart ohne Follower und Social-Media-Präsenz? Das wird sehr wahrscheinlich ein Flop. Also irgendwo zwischen 10 und 100 verkauften Exemplaren. Jedenfalls nichts, was die investierte Zeit rechtfertigen würde. Die Perspektive: „Mache etwas Sinnvolleres mit deiner Zeit“ stammt wahrscheinlich von meinem Se, das seit fünf Jahren den Hochwasserschaden repariert. In der Zeit hätte man viele Fliesen legen und anstreichen können.

    Aber gerade unsere stärksten, dominanten Funktionen haben zwei Seiten, Yin und Yang. Die Yin-Seite ist das Orakel, das zu jedem Pfad die Wahrscheinlichkeit berechnet. Aber es gibt auch noch die Yang-Seite, die fokussiert und zielstrebig ist. Die hat sich in dem Fall mit meinem Ne verbündet, dem Entdecken. Für diese Funktion sieht die Rechnung ganz anders aus. Es geht nicht um die Frage: „Lohnt sich das?“, sondern: „Hast du etwas entdeckt, Neues erlebt und gelernt?“ Entdecken ist die Suche, was alles passieren könnte – vielleicht komme ich ja irgendwann in einem Podcast unter oder mache eine Lesung? Wie ist das so, ein Buch zu veröffentlichen? Wenn dir ChatGPT für die Webseite mit Blog und Forum WordPress empfiehlt und du noch nie was damit gemacht hast – probiere es einfach aus. Du bekommst das schon irgendwie hin (Yin-Te nickt zustimmend).

    Es gibt von Adam Savage – einem typischen ENTP – das Zitat, das er in meterhohen Buchstaben auf zwei frontal kollidierende Lastwagen in der Serie „Mythbusters“ gemalt hat:

    Failure is always an option!

    Besser kann man den Geist von Ne nicht einfangen. Aber damit komme ich auf den Titel dieses Beitrags zurück – diese Exploration hat ihren Preis. Und in meinem Fall sind das die Zielkonflikte zwischen den Funktionen. Die einen machen, die andere sieht den Flop kommen und will nichts machen, was wahrscheinlich scheitert. Die nächste will es einfach ausprobieren.

    Viele Menschen – die Entwicklungspsychologen sagen sogar: die große Mehrheit – sehen die Welt nur aus dem Blickwinkel eines introvertierten und extrovertierten Funktionspaars. Damit ist das Leben deutlich einfacher, weil es viel weniger potenzielle Konflikte gibt. Und für die verbleibenden Streitfragen gibt es die Gruppe, die hier die klaren Antworten liefert, wie man sich verhalten soll. Und gerade die Frage nach Exploration wird in späteren Phasen des Gesellschaftszyklus eher mit Exploitation beantwortet – das Optimieren, was sich schon bewährt hat.

    Es ist gerade das Scheitern, das in unserer Gesellschaft dann einen negativen Beigeschmack bekommt. Und wenn ein YouTube-Kanal, ein anderer Blog und jetzt ein Buch nacheinander Rohrkrepierer waren, dann ist man ein Tagträumer und Versager.

    Zusätzlich zu den persönlichen Konflikten hat unser Handeln also immer auch eine gesellschaftliche Dimension. Unsere Entscheidungen finden immer vor diesem Hintergrund statt.

    Aber ist der Weg, den die Gruppe und damit die Gesellschaft vorgibt, auch der Richtige? Individuelle Reife, die Möglichkeit, die Welt aus verschiedenen Blickwinkeln wahrzunehmen, macht das Leben viel interessanter und eröffnet viel mehr Möglichkeiten, sich selbst zu motivieren. In diesem Fall führt die Balance auch zu einer empfundenen Sicherheit. Ja, es könnte ein Flop werden. Aber das Risiko hält sich in Grenzen. Ich kann mir die verlorene Zeit leisten und auch die finanziellen Risiken sind überschaubar. Wenn im schlimmsten Fall einfach gar nichts passiert – dann muss man sich halt ein neues Projekt suchen. Das ist einer der Vorteile einer ausgewogenen Persönlichkeit, dass man die verschiedenen Blickwinkel gegeneinander abwägen kann. Manche ESTPs sind so im Bann ihres Erlebens gefangen, bis sie plötzlich merken: „Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?“ Reinhold Messner ging das so am Manaslu, als er auf 8.000 Metern im Schneesturm sein Zelt gesucht hat. Für Andreas Schlick und Franz Jäger kam dieser Moment zu spät, sie sind in dieser Nacht erfroren.

    Viele SJ-Typen würden hingegen solche Risiken nie eingehen – „das wird nie was“ ist vor der Referenz der eigenen Erinnerungen genauso eine nachvollziehbare Sichtweise. Aber wo wäre die Menschheit heute, wenn alle Menschen so denken würden?

    Vielleicht konnte ich mit diesem Artikel deutlich machen, wie sehr wir selbst und unsere Welt von der Psychologie beeinflusst werden. Und solche Artikel sollen nicht nur eine Einbahnstraße sein. Jeder Typ und jeder Mensch nimmt dieselbe Situation anders wahr und von einem gegenseitigen Austausch können wir nur lernen. Deshalb gibt es das Forum, um klassisch weiter zu diskutieren. Das ist eine Tiefe, die ein Like-Button niemals erreichen kann.

    Oder Du kannst dir das Buch kaufen, wenn mein Blickwinkel auf die Welt Dich neugierig gemacht hat: Die Bücher.